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Inklusion als Chancengleicheit

von Marc Wübbenhorst

Inklusion eröffnet allen gleichen Bildungschancen. Sie verlangt, dass Verschiedenheit gelebt und Vielfalt gewünscht ist. Einer der von Berufswegen mit umfassenden Konzepten zur Inklusion von Menschen mit Behinderung beschäftigt, ist Marc Wübbenhorst. Er arbeitet für das Sennestädter Architekturbüro alberts.architekten BDA, das sich die Soziale Architektur zur Aufgabe gemacht hat.

Inklusion kann mehr als Rollstuhlrampen

Redaktion: Du bist über deine Tätigkeit als Verantwortlicher für Moderation und Partizipation bei alberts.architekten mit dem Thema Inklusion beschäftigt. Irgendwie kann sich ja jeder etwas unter dem Begriff vorstellen, dennoch ist er trotzdem diffus. Was genau bedeutet Inklusion für dich?

Marc Wübbenhorst: An allererster Stelle ist Inklusion Menschenrecht, das man als solches nicht in Frage stellen sollte. Das betrifft Menschen mit und ohne Behinderung, verschiedener Herkunft, Sexualität und Weltanschauung und Altersgruppen gleichermaßen. Alle haben das Recht an unserer Gesellschaft teilzuhaben. Im Falle von Menschen mit Behinderung, bedeutet Inklusion, dass es gilt Hürden abzubauen und individuelle Bedürfnisse zu beachten. Damit ist nicht nur der Fahrstuhl gemeint, der es dem Rollstuhlfahrer erlaubt, in sein Büro in der vierten Etage zu kommen. Damit sind vor allem Hürden im Kopf gemeint. Der Rollstuhlfahrer ist übrigens in den Medien unser Lieblings-Behinderte, weil´s so anschaulich ist. Es gibt aber noch so viel anderes.

Partizipation im Planungsprozess

Marc Wübbenhorst: Inklusion verlangt den respektvollen Umgang, damit sich jemand, der vielleicht eine geistige Einschränkung hat, ernst genommen fühlt. Respekt vor der Lebenswelt des Anderen und Kommunikation auf Augenhöhe sind meiner Meinung nach keine Floskeln, sondern Grundlage für eine inklusive Gesellschaft. Solche Grundgedanken sind Bestandteil unserer Bauprojekte. Wenn wir beispielsweise eine Schule planen, dann sorgen wir nicht nur dafür, dass am Ende ein schönes Gebäude mit irgendwelchen Leitsystem und Behindertentoiletten steht, sondern beziehen diejenigen, die hinterher in dem Gebäude leben, lernen oder arbeiten, mit in den Planungsprozess ein. Das ist anstrengend, führt aber zu Gebäuden, die akzeptiert werden. Das ist Inklusion.

Moderation und Quartiersentwicklung

Redaktion: Du bist jemand, dem man seine Behinderung nicht anmerkt, sofern man nicht davon weiß oder etwas länger mit dir zu tun hat. Du selbst hast aber viel mit Menschen zu tun, deren körperliche oder geistige Einschränkungen offensichtlicher zu Tage treten. Aufgrund deiner Behinderung weißt du, wie es ist, die gesellschaftlich festgelegten Strukturen zu durchlaufen. Rühren deine Berufswahl und dein persönliches Engagement daher?

Marc Wübbenhorst: Ja und nein. Ich beschäftige ich mich eben schon ein Leben lang mit dem Thema, das früher ja noch Integration hieß. Heute behaupte ich, Systeme sollten sich Menschen anpassen, nicht umgekehrt. Eigentlich ist meine Tätigkeit bei alberts.architekten auf einem Umweg zustande gekommen. Ich habe eine Zeitlang gleichzeitig noch in einer Förderschule gearbeitet; und es wurde klar, dass das Thema Moderation und Partizipation in Bauprojekten wegen ihrer Komplexität wuchs. Inzwischen deckt unser Aufgabenspektrum ein breites Feld ab und es betrachtet auch die Quartiersentwicklung. Und eine Familientradition ist es auch: Die Männer arbeiten auf dem Bau, die Frauen in sozialen Berufen. Da gerät man da so rein, nur das ich eben beides mache.

Diabetes insibidus renalis

Marc Wübbenhorst: Vielleicht bin ich in bestimmten Fragestellungen sensibler, weil ich weiß, dass kleine Stolpersteine oft zu Hürden werden. Wer´s googlen will: Ich habe die seltene Erkrankung Diabetes insipidus renalis insibidus, ich trinke bis zu 20 Liter Wasser am Tag, ich habe immer Durst. Eineinhalb Stunden überlebe ich ohne Trinken. Im Alltag hat das krasse Nebenwirkungen. Ich muss in der Nacht oft raus, durchschlafen geht nicht. Dinge, die für andere höchstens ein Ärgernis darstellen, wie beispielsweise ein Stau oder ein verspäteter Zug sind für mich schnell lebensbedrohlich. Jeden Beruf kann man damit nicht ausüben. Manchmal bin ich existenziell erschöpft. Auch viele Sportarten und Freizeitaktivitäten fallen für mich aus.

Auf der anderen Seite habe gelernt, mit extremen Umständen und Anstrengungen klarzukommen, das hat mich in gewisser Form punktuell belastbarer gemacht. Als Kind habe ich ganz regulär die Grundschule besucht und bin anschließend auf eine Realschule gegangen. Darauf folgten ein Abitur am Wirtschaftsgymnasium und das Studium. Die Alternative wäre die Sonderschule gewesen.

Rollenerwartungen überdenken

Marc Wübbenhorst: Eine Behinderung ist immer anstrengend und zeitraubend, für den Betroffenen und die Familie, das kann die Inklusion nicht weg reden. Mit mehr Unterstützung im Schulsystem wär´s vielleicht oft leichter gewesen. Man muss sich ständig erklären, ich war peinlichen Situationen ausgesetzt, etwa weil ich mir im Unterricht Toilettengängen erbetteln musste oder Ärzte meine Krankheit nicht kennen und diese schnell nachschlagen, wenn ich kurz wegschaue. Oder man wird komplett in Watte gehüllt und für Blöde gestempelt. Aus dem „mich ständig erklären“ ist über die Jahre aber auch eine Kompetenz erwachsen. Ich kann nun Inhalte gut vermitteln und bringe Geduld auf, und das ist nun mal Teil meines Berufes. Es ist halt immer auch, was man daraus macht.
Das Darüber-Reden ist der Knackpunkt: Inklusion bedeutet, dass man eine Menge über den anderen weiß, aber gleichzeitig die Distanz und Autonomie wahrt. Bei Menschen mit sichtbaren Behinderungen ist es wichtig, ihnen von Vornherein keine bestimmte Rolle zuzuweisen, Rollen, die sie gar nicht haben wollen. Am besten nachfragen, wenn es sinnvoll ist: Menschen mit Behinderung sind immer Experten für ihre Einschränkung. Wenn man eine Behinderung nicht ansieht, wird man oft total falsch bewertet, auch oder gerade als Mann.

Inklusion - Auf dem guten Weg?

Redaktion: Wo siehst du den derzeitigen Wasserstand der Inklusion? Hat die Politik die richtigen Weichen gestellt und ist die Gesellschaft auf einem guten Weg oder gibt es noch viel nachzuholen?

Marc Wübenhorst: Schwer zu sagen, das ist ja ein gesamtgesellschaftlicher Prozess. Ich erlebe zurzeit, dass es unter der Hand gelegentlich schick wird, die Inklusion infrage zu stellen: Eine Politikerin sagte mir mal, es sei doch besser, wenn „diese Behinderten“ unter sich sind. Eine solche Aussage muss bekämpft werden. Auch das Gerede um die Kosten kann ich nicht mehr hören, das ist menschenverachtend. Man muss fordern und fördern, nicht die Leute kleinhalten.

Und ich ermutige Menschen mit Behinderung, Forderungen für sich und gegen andere zu stellen.
Generell hat sich eine Menge hin zum Positiven entwickelt. Heute ist die Situation im Bildungsbereich eine andere, baulich ist aber viel nachzubessern. Auch die Konversion von Anstalten ist eine gute Sache, solche beschützenden Einrichtungen braucht niemand mehr. Da sind wir in Bielefeld ja weit vorn. Im öffentlichen Raum gibt es noch zu viele Hürden. Und auch die entsprechende Perspektivübernahme von Seiten der Mitmenschen, Planern und Behörden muss man stetig üben.

Baulich hohe Qualität

Im Schulbau hat es eine merkwürdige Wendung genommen. Förderschulen sind meist architektonisch und pädagogisch von hoher Qualität, werden aber aufgegeben. Die neuen Schulzentren sind oft beliebig und überdimensioniert, da kann man nicht jeden Schüler kennen und individuelle Lösungen anbieten. Deswegen meine ich, jede Schule sollte eine Förderschule sein. Eine einhundertprozentige Gerechtigkeit wird es am Ende nicht geben, dafür sind wir alle zu unterschiedlich. Aber Chancengleichheit, das ist super.

Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch. Für mehr Informationen zur Arbeit und dem Arbeitsfeld von alberts.architekten BDA: alberts.architekten

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Dieses Interview wurde im Magazin Bielefeld Aktuell am 21.12.2015 erstveröffentlicht:

"Inklusion meint nicht nur Rolsstuhlrampen", mit freundlicher Genehmigung der SPD Bielefeld

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