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Partizipatives Bauen

von Redaktion

„Ich muss wissen, wie Menschen leben “

Dieses Credo von Elke Maria Alberts lässt nicht nur die Überzeugungstäterin der Sozialen Architektur erkennen. Zugleich bringt es den Grundgedanken des partizipativen Bauens, der von alberts.architekten verfolgt wird, auf eine allgemein verständliche Formel: Nur wenn alle Beteiligten von Beginn an in die Planung einbezogen werden, können Gebäude entstehen, die von allen optimal zu nutzen sind.

Das Büro von alberts.architekten besteht seit mittlerweile 40 Jahren. Schon Gründer Theo Alberts engagierte sich im Planen und Bauen von Gemeinschaftseinrichtungen. Die Leidenschaft für Soziale Architektur hat Elke Maria Alberts von ihrem Vater geerbt. Unter ihrer Leitung hat das Büro in den vergangenen Jahren sowohl neue Schulen gebaut als auch bei der Sanierung und Erweiterung zahlreicher Gebäude für Gruppen und Gemeinschaften mitgewirkt.

Gemeinsam mit ihrem multidisziplinären Team entwirft Elke Maria Alberts Schulen und Kindergärten, Jugendeinrichtungen und Sozialstationen sowie barrierefreie Wohnungen für junge und alte Menschen. Gerade beim Neubau oder Umbau von Schulen hat sich bewährt, die partizipative Planung in einem pädagogischen Bauausschuss zu koordinieren. Auf diese Weise entstanden maßgeschneiderte Schulen für Kinder mit Behinderungen und Sozialimmobilien, die auf die Bedürfnisse ihrer Bewohner zugeschnitten sind.

Gelungene Schularchitektur

Schüler und Studierende zu fragen, wie sie sich ihre ideale Lernumgebung vorstellen und was sie zum Lernen brauchen, scheint zwar naheliegend, ist jedoch nicht die Regel.

„Schüler sollten bei der Schulplanung in den Bereichen beteiligt werden, die sie direkt betreffen“, meint Architektin Elke Alberts. Ihr Architekturbuüro entwirft seit vielen Jahren Schulgebäude und Kindertageseinrichtungen. „Sie können am besten sagen, welchen Stellenwert einzelne Räume haben“ weiß Alberts. Der Flurbereich sei beispielsweise ein wichtiger Kontaktraum.

„Der Flur ist wie die Hauptstraße in einem Dorf: Man trifft sich, kann sich dort frei bewegen und er bietet unterschiedliche Nischen“, erklärt sie. „Flure sind wichtig für das Allgemeingefühl an einer Schule. Doch viele sehen es immer noch nicht ein, Geld für einen Raum auszugeben, der in ihren Augen lediglich eine notwendige Verbindung zwischen Unterrichtsräumen darstellt“, beklagt die Architektin.

Um besser zu verstehen, was Lehrer und Schüler brauchen, holte sich Elke Alberts Marc Wübbenhorst in ihr Architekturteam. „Die Lehrer merken, wenn ein Architekturbüro nicht nur die Hülle baut, sondern das Leben darin füllt und kennt“ sagt er.

Steht ein Bauprojekt an, geht Wübbenhorst in den Unterricht und hospitiert. Die zuständige Bauleitung begleitet ihn, um sich ebenfalls einen Eindruck von Arbeitsweise und Menschen zu machen. Elke Alberts sieht in Marc Wuübbenhorst den „Übersetzer“, wie sie sagt, der zwischen Architekturbüro und Schulen vermittelt. „Wir sprechen ja oftmals in zwei Fachsprachen und benutzen Wörter, die der andere Bereich nicht versteht“, sagt Alberts. Es gehe nicht darum, die eigene Sache durchzuboxen, sondern einen Vorschlag zu machen, der dann diskutiert wird. „Versteht die andere Seite nicht, was ich ihnen vorschlage, dann weiß ich, dass ich sie noch nicht verstanden habe und noch mal zuhören muss“, schildert die Architektin.

Ihr Büro hat sich auf inklusiven Schulbau spezialisiert, die Eingänge, Flure, Treppenhäuser oder Toiletten müssen nicht nur behindertengerecht sein. Vielmehr geht es um ein Schulgebäude für alle.

Gerade der inklusive Schulbau, der in der Schularchitektur zunehmend an Bedeutung gewinnt, lebe vom gegenseitigen Kennenlernen, weiß Marc Wübbenhorst. Wenn man an Menschen mit Behinderung denke, dürfe man nicht nur den Rollstuhlfahrer vor Augen haben. Vielmehr geht es darum, diese Menschen genauer kennenzulernen, mit ihnen zu sprechen, zu erleben, wie sie leben und lernen.

Woran man beim Um- oder Neubau alles denken muss, erfährt man erst im Miteinander. Da lernt man, dass offene Treppenhäuser zwar schön aussehen, autistische Kinder damit aber nicht zurechtkommen. Zu unkonkret seien sie, plötzlich auftauchendes Licht, das sie nicht einordnen könnten, verursache etwa Angstattacken.

Das musste auch Elke Alberts erst lernen. Nur ein gemeinsam entwickeltes Raumprogramm habe hinterher Gültigkeit und halte lange durch. Auch wenn das bedeutet, sich langsam und in vielen gemeinsamen Gesprächen darüber zu verständigen, was jeder möchte und für seine Arbeit braucht. Eine Lehrerin, so erzählt die Architektin, arbeitete jahrelang im Kellerraum einer Schule mit niedrigen Decken. „Sie hat mit den Decken gearbeitet und Dinge daran aufgehängt“, erzählt sie. Sie waren zu ihrer Arbeitsgrundlage geworden, auf die sie im Neubau nicht verzichten wollte. Da gehört es dazu, sich Zeit zu nehmen und alle Beteiligten anzuhören. „Erst dann kommt man in eine Arbeitsweise, in der alle den Bauprozess verstehen und erkennen, warum manche Dinge umgesetzt oder nicht umgesetzt werden können“, berichtet Elke Alberts. Auch die Lehrerin aus dem Kellerraum konnte sich schließlich mit dem Gedanken anfreunden, auch hohe Decken in ihrem Klassenraum zu haben, und entdeckte andere Raumbereiche für sich.

Quelle : didacta – Das magazin für lebenslanges Lernen , 02/2013

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