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Wände sind nur im Kopf

von Marc Wübbenhorst

Unsere Erfahrungen schreiben uns vor, wie die Dinge zu sein haben. Es tut gut, sich gelegentlich von bestimmenden Mustern zu lösen. Einfach mal die Wände einreißen und den Ausblick wagen! Wie formen Sprachmuster eigentlich unser Handeln, wie neu und flexibel wollen, könnnen und müssen wir sein?

Wir sagen Schule, meinen das Gebäude

Spannend, dass wir in der deutschen Sprache nicht zwischen dem Schulgebäude und der Institution Schule unterscheiden, beide Begriffe scheinen untrennbar unsere Vorstellung zu prägen. Man geht zur Schule. Oder: Man war in der Schule. Schule neue denken hieße, auch das Gebäude neu zu denken, in der die Institution untergebracht ist. Für die Weiterentwicklung der Schullandschaft müssten daher zunächst die „Wände im Kopf“ eingerissen werden.

Bei der Architektur verhält sich das ein bisschen subtiler, weil jeder wohnt, weil jeder ständig von gebauten Raum umgeben ist, hat jeder eine Meinung, aber kaum jemand eine Begründung. Und oft ist eben alles „wie gewohnt“. Architektur ist omnipräsent und Beispiele als „hässlich“ identifizierter Gebäude zeigen, dass die Betrachtung von Architektur oft ein ästhetisches Urteil herausfordert.

Es gibt keine Patentlösung

Von Seiten vieler Architekturschaffenden oder der Industrie ist das Rezept für die Inklusive Schule als Antwort zwar nicht aus dem Hut gezaubert, aber zumindest aber vorüberlegt. Quasi als ein Stück Standard-Schule für alle, unabhängig vom Ort oder der Schülerschaft. Folgerichtig eine homogene Lösung auf eine heterogene Schullandschaft. 

Eine weitere Betrachtungsweise auf das Thema Inklusion und Schulabbau ist der Ansatz der größtmöglichen Flexibilität. Der Wunsch ist der nach größtmöglicher Offenheit, der Raum und das Mobiliar, alles könnte vielfach und auf unterschiedliche Weise nutzbar sein. So könne man auf jede Situation reagieren und das Gebäude könne sich auf jeden Schüler neu einstellen. Eine Schule für Alle, eine inklusive Schule, wäre demnach eine, deren Gebäude schlichtweg jede Möglichkeit vorhält, deren räumliche Struktur und Mobiliar sich im Handumdrehen ändern ließe. Also eine, die man im mit wenig Aufwand anpasste – An sich kein schlechter Gedanke. Anderseits: Manche Kinder und Lehrer fordern Stabilität, nicht Flexibilität, räumlich wie pädagogisch. Die Flexibilität ist die Reaktion auf die Angst, sich baulich festlegen zu müssen oder pädagogisch nach einem bestimmten Konzept zu arbeiten. Verbindlichkeit lässt sich schwer durchhalten, gerade, wenn man nicht weiß, wohin die Reise geht.

Wie flexibel ist der Klassenraum?

Nur mal Hand aufs Herz: In jeder Klasse lassen sich Stühle und Tische verrücken, nur wie oft macht man davon im hektischen Schulalltag wirklich gebrauch? Kann ein Schulgebäude tatsächlich für jede Eventualität eine Möglichkeit parat haben? Wenn es funktionieren würde, wer nähme sich die Zeit und hätte die Idee, Räume jedes Mal neu zu denken? Nur um es einmal auszusprechen: Die Annahme, die dahinter liegt, ist die das Kinder, mit unterschiedlichen körperlichen oder geistigen Bedürfnissen auch unterschiedliche räumliche Voraussetzungen vorfinden müssten.

Wie sollte eine Schule architektonisch nun ausgestattet sein? Dafür gibt es Beispiele und Notwendigkeiten, aber keine Patentlösung. Man muss sich von der Idee verabschieden, dass es Standard-Lösungen für heterogene Lerngruppen gibt.

Nicht leicht ist es, aufzudröseln, welche räumlichen Bedürfnisse als Ansprüche an das Schulsystem gestellt werden könnten.

Vertraute Stereotype als Maßstabfiguren

Wenn wir von Kindern mit besonderen Bedürfnissen, und wenn wir über Inklusion sprechen, dann meinen wir so oft doch eigentlich Behinderte, und zwar jene, die uns angenehm vertraut sind. Da gibt es den herzlichen Jungen mit Downsyndrom und das zurückhaltende Mädchen im Rollstuhl. Stereotype, die sich tapfer halten und vielleicht keine sind. Bei dem Thema Inklusion und Schulbau überlegen wir im Vorfeld, welche Kinder mit Behinderungen die Regelschule aufnehmen müsste. Da ist das Beispiel des Rollstuhl-Mädchens insofern dankbar, als das die Lösung tatsächlich eine bauliche sein kann. Das Thema Barrierefreiheit: Rampen, automatische Türöffner, schwellenlose Türen und Fahrstühle erlauben die Teilhabe am schulischen Leben. Aber ist es damit getan, ist die Automatik auch der Türöffner zur Inklusion?

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