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Binneninklusion

von Frank Thies

Pädagogische Architektur

"Das müsste Standard sein für alle Schulen!" Diese Bemerkung fällt oft, wenn Besucher unserer Schule die pädagogisch durchdachte Architektur und die freundliche und anregende Farbgestaltung wahrnehmen. „So hätte ich mir meine Schule gewünscht“ – Sätze wie diesen höre ich oft bei Führungen durch das Gebäude. Solche Aussagen weisen darauf hin, dass neben den Schülerinnen und Schülern sowie den Lehrkräften das Schulhaus mit seinen Räumen, Fluren und Flächen der dritte wichtige Faktor für das Lernen ist.

Sonderpädagogischer Unterstützungsbedarf

Unsere Schule, die Mamre-Patmos-Schule in Bielefeld, Förderschule in Trägerschaft der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, entstand 2002 durch die Zusammenlegung von zwei bis dahin eigenständigen Schulen des gleichen Trägers.

Die Schülerschaft dieser Schule ist von sehr großer Heterogenität gekennzeichnet. Alle Schülerinnen und Schüler haben sonderpädagogischen Unterstüzungsbedarf. Um die pädagogischen Belange dieser Schülerschaft besonders gut zu berücksichtigen, war ein neues Schulgebäude unter Einbeziehung eines bereits vorhandenen Schulbaus erforderlich.

Konzipiert wurde die Schule bereits in den 90er Jahren für gemischte Klassen – für die gemeinsame Unterrichtung von Schülerinnen und Schülern mit kognitiven Beeinträchtigungen, aber unterschiedlichsten Förderbedürfnissen und Lebensproblemen – mit schwersten Behinderungen, erheblichen körperlichen Problematiken, chronischen Erkrankungen, geistigen Behinderungen oder Autismus. Gleichzeitig sollten die Interessen der unterschiedlichen Altersgruppen Berücksichtigung finden: von gerade schulpflichtig gewordenen Kindern bis hin zu jungen Erwachsenen, die kurz vor der Schulentlassung stehen.

Binneninklusive Ganztagsschule

Diese Bedingungen stellten keine ganz leichten Planungsaufgaben an die im Pädagogischen Bauausschuss zusammenarbeitenden Lehrkräfte und Architektinnen und Architekten von alberts.architekten, die gemeinsam die Vision einer „binneninkludierenden“ Ganztagsschule entwickelten und dafür ein konkretes Schulhaus entwarfen. Alles sollte für alle zugänglich sein, alle individuellen Bedarfe und Notwendigkeiten sollten erfüllt werden können.

Nach mehr als einem Jahrzehnt intensiver Nutzung des Schulgebäudes lässt sich feststellen, dass die entwickelte pädagogische Konzeption einer Schule für eine äußerst gemischte Schülerschaft in einem entsprechend gestalteten Schulhaus greift und die Umsetzung gelingt. Auf einige der dafür entworfenen räumlichen Gegebenheiten möchte ich im Folgenden hinweisen. Schulen, die umfassend inklusiv arbeiten wollen, werden sich an Standards wie diesen orientieren müssen.

Gemeinsames Frühstück im Gruppenraum
Gemeinsames Frühstück im Gruppenraum

Barrrierefreies Schulhaus

Unser Schulhaus ist mit allen seinen Räumen und Außenflächen barrierefrei. Die Flure und Freiflächen des Hauses sind rollstuhlgerecht, bieten Platz für das Sich-Begegnen von Schülern im Rollstuhl und gewähren gleichzeitig Bewegungs und Erfahrungsmöglichkeiten für alle Schülerinnen und Schüler. In den Klassenräumen können unterschiedliche Schülerinnen und Schüler gemeinsam lernen. Schüler mit schwersten Behinderungen können wie alle anderen auch in das Unterrichtsgeschehen einbezogen werden – die räumlichen Voraussetzungen für die Teilhabe aller sind gegeben. Es gibt ausreichend Möglichkeiten für gemeinsamen Unterricht, für Differenzierung und Individualisierung.

Kommunikation und Begegnung

Eine Rutsche wurde durch Spenden finanziert
Mit der Rutsche erleben Kinder Geschwindigkeit - ohne Rollstuhl

Alle Klassen haben einen nutzbaren Außenbereich, in den Erdgeschossbereichen als Terrasse, in den oberen Etagen als Balkon. Jede Klasse verfügt neben dem Haupt-Klassenraum über einen Nebenraum, der mit einer Küchenzeile ausgestattet ist. Neben der Nutzung für Kleingruppen oder Einzelarbeit ist hier etwa Lerngelegenheit für life skills (lebenspraktische Fertigkeiten wie z. B. den Tisch decken und später säubern, kleinere Mahlzeiten zubereiten) – Inhalte, die Schülerinnen und Schüler ohne eine geistige Behinderung im Alltag der Familie beiläufig lernen (sollten), hier aber gezielt angeboten werden müssen.

Kommunikation und Begegnung zwischen den Klassen ist möglich, an vielen Stellen im Haus gibt es dazu Gelegenheit, etwa auf Freiflächen zwischen den Klassenräumen, den Stufenplätzen. Mit dem Forum, der Aula, verfügt die Schule über einen zentralen Versammlungsraum für alle Schülerinnen und Schüler und alle Mitarbeitenden. Fachräume mit entsprechender Ausstattung ermöglichen vertiefende Unterrichtsangebote in Fächern und Lernbereichen wie Musik, Rhythmik, Hauswirtschaft, Sport, Werken, kreatives Gestalten.

Freundlich gestaltete Pflegeräume mit einer Einrichtung, die die notwendigen technischen Voraussetzungen vorhält, gleichzeitig aber auch die Intimität der zu Pflegenden respektiert, sind eine grundlegende Voraussetzung für die Beschulung von Schülerinnen und Schülern mit entsprechendem Hilfebedarf, erleichtern aber auch pflegenden Lehrkräfte und Mitarbeitenden diesen Bereich ihrer Arbeit.

Das Gebäude wirkt

Schulleiter Frank Thies mit Schüler
Schulleiter Frank Thies mit Schüler

Eine wichtige Beobachtung: Das Gebäude wirkt. Wir haben nur wenige mutwillige Beschädigungen oder Schmierereien. Wir vermuten, dass unsere Schülerinnen und Schüler die bauliche Qualität und die ihnen durch den Schulbau gebotenen Möglichkeiten als Wertschätzung ihres Rechts auf schulische Bildung wahrnehmen und auch deshalb respektvoll mit ihrem Schulhaus umgehen. Ohne diese realisierten baulichen Voraussetzungen sähe der pädagogische Alltag vermutlich deutlich anders aus. Die „Binneninklusion“, der Unterricht und das Miteinander-Leben in den gemischten Klassen gelänge wohl wesentlich schlechter – wenn überhaupt. Lehrkräfte und Eltern wissen die Qualität dieses Gebäudes zu schätzen, und vor allem natürlich die Schülerinnen und Schüler.

„Das müsste Standard sein für alle Schulen“ – diese Äußerung vieler Besucher der Mamre-Patmos-Schule bleibt als Wunsch für alle Schulen mit heterogener Schülerschaft bestehen.

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