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Inklusion im Stadtteil: Für mehr altersgemischte Quartiere!

von Elke Maria Alberts

Alt und Jung Tür unter einem Dach? Junge Berufstätige und Rentner leben erstmal in unterschiedlichen Welten und Zusammenhängen, haben teilweise gegenläufige Interessen. Das Zusammenleben beider Gruppen hat so seine Schwierigkeiten. Richtig schwierig wird es städtebaulich dann, wenn komplette Stadtteile überaltern und immer neue Neubaugebiete ausgewiesen werden, findet Elke Mara Alberts.

Jung und Alt leben in der Sennestadt zusammen – beide haben unter Umständen kollidierende Interessen. Wie lösen Sie das? Oder gibt es sogar neue Vorteile?

Elke Mara Alberts: "Alt und Jung an einem Tisch, Mehrgenerationenwohnen, so wie in Lindgrens Büllerbü. Es ist halt immer die Frage, wie nah sich die Generationen wirklich kommen können und wollen. Ich halte es auch nicht für richtig, dass Studierende für ein bisschen innerstädtischen Wohnraum in „experimentellen Wohnformen“ Aufgaben der Altenpflege übernehmen, da sind einfach Ungleichgewichte in angespannten Wohnungsmärkten. Junge Berufstätige und Rentner leben erstmal in unterschiedlichen Welten und Zusammenhängen, haben teilweise gegenläufige Interessen.

Ich kann da nur punktuell eingreifen, in dem wir für das Seniorenwohnen Lösungen anbieten und jüngere Familien animieren, Häuser zu übernehmen und diese energetisch zu sanieren. Konzepte intergenerationalen Wohnens werden gerne gezeigt, weil sie der Vorstellung eines „ganzes Hauses“ nahe kommen.

Anderseits gibt auch es tolle Beispiele und Konzepte. Wenn man dann altersgemischte Situationen architektonisch herstellt, hat das eben sein für und wieder. Ich halte es städtebaulich und energetisch für schwierig, große Häuser mit nur einer Person zu besetzen und gleichzeitig immer neue Baugebiete auszuweisen. Ich bin immer für Nachverdichtung. Man rückt dichter beieinander, und gerade dann ist Privatheit und Rückzugsmöglichkeiten zu beachten. Man muss bei solchen Konzepten eben schauen, dass diese wirklich altersübergreifend und nicht „altersübergriffig“ sind. Ich bin immer für größtmögliche Autonomie, nicht für Notlösungen in der Pflege und auf dem Wohnungsmarkt."

 


"Inklusion" Foto: Peter Wehowsky

Es gibt bei Bielefeld die Modellstadt Sennestadt, an deren Weiterentwicklung Ihr Büro beteiligt ist. Sie haben dort das Projekt „Sennestadtwohnen Plus“ mit 55 barrierefreien Wohneinheiten und u.a. einer Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz konzipiert. Könnten Sie uns das Projekt und seine wichtigsten Ideen vorstellen?

Elke Mara Alberts: "Auch wenn es auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt, die Sennestadt ist der jüngste und der älteste Stadtteil Bielefelds: Nirgendwo in der Region leben so viele Junge und so viele Ältere. Den Interessen beider Bevölkerungsgruppen angemessen zu begegnen, und uns den Entwicklungen des demographischen Wandels zu stellen war die Aufgabe, die wir mit dem Projekt „SennestadtWohnenPlus“ erfüllen: auf der ehemaligen Industriebrache Schilling-Gelände entstanden neben einem Kindergarten 55 altersgerechte Wohnungen und eine Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz."

Bisher fehlte es an geeigneten barrierefreien Wohnungen im Stadtteil, die Gebäude der 60er-Jahre aus der Gründungszeit der Reichow-Stadt sind oft nicht barrierefrei oder für das Wohnen im Alter geeignet. Doch gerade für ältere Menschen wird die Lebensqualität im hohen Maße durch die Qualität im gewohnten Quartier bestimmt. Der Erhalt und die Förderung der selbstständigen und unabhängigen Lebensführung ist die Grundidee für das Servicewohnen nach dem Wohn- und Teilhabegesetz."

Sie betonen, dass für viele Menschen das Pflegeheim keine akzeptable Lösung ist. Andererseits sagen uns Statistiker, Demographen und Zukunftsforscher, dass künftig mehr davon gebraucht und also auch gebaut würden. Insbesondere das vielfach gewünschte Zuhausebleiben im Alter wird vielfach als unrealistisch betrachtet. Wie sehen Sie das?

Elke Mara Alberts: "Naja, das schließt sich nicht aus. Wenn gesamtgesellschaftlich stationäre Pflege besser ist, bedeutet es doch nicht, dass der Einzelfall damit glücklich sein muss. Es gibt bei jeder Tendenz ja auch immer genau das eine Gegenbeispiel. So gibt Ältere, die sind hochbetagt und kommen wunderbar allein zurecht. Das sind dann eben auch Einzelfallentscheidungen. Wir haben ja nicht das Aufenthaltsbestimmungsrecht über unsere Senioren. Es geht darum, Angebote zu schaffen, mit denen sich Senioren identifizieren."

Jungen und alten Menschen bieten sich heute die unterschiedlichsten Formen des Zusammenlebens – zumindest gibt es sehr viele verschiedene Projekte und Ideen von der Wohngemeinschaft über das Mehrgenerationenhaus, Betreutes Wohnen bis hin zum klassischen, wenn auch konzeptionell stärker ausdifferenzierten Pflegeheims oder zur Seniorenresidenz. Welche Tendenzen hinsichtlich unserer Art des Wohnens und Zusammenlebens sehen Sie für die nächsten ein zwei Jahrzehnte als wirklich prägend an?

Elke Mara Alberts: "Ja, in der Tat konnten in den letzten Jahren verschiedene Konzepte durchspielen und umsetzen. In der nahen Zukunft werden sich aus diesen einige wenige herauskristallisieren. Die baurechtlichen Vorschriften und die in der Pflege werden immer enger, sodass die Vielfalt der Lebensmodelle und -orte dadurch abnehmen könnten. Auch baukulturell werden wir eine Homogenisierung erwarten können. Ich werde oft gefragt, welches das beste Konzept sei.

Ich sage dann, dass es sich immer um die Übersetzung eines individuellen Konzeptes in gebauten Raum handelt. In naher Zukunft werden wir Architekten sicherlich auch nur Lösung A oder B anbieten. Anderseits differenzieren sich die Lebenswelten immer weiter aus. Ein Spannungsfeld, in dem ich gerade arbeite.

Wenn ich den Blick in die Glaskugel wage, dann sehe ich demographisch in den nächsten 20, 30 Jahren große Aufgaben. Wir müssen gesamtgesellschaftlich darauf achten, dass die auseinandergehende Schere zwischen arm und reich nicht noch stärker auch das Wohnen im Alter bestimmt. Wir brauchen das „Wohnen für Alle“ in einer inklusiven Gesellschaft. Die Technisierung wird voranschreiten und wir werden alle unglaublich alt."

 

"Inklusion" Foto: Peter Wehowsky


Die Vielfalt der Konzepte, mit denen heute auf das Wohnen und insbesondere auf das Wohnen im Alter reagiert wird, ist groß wie nie, möchte man meinen. Glauben Sie, dass Architekten, Innenarchitekten, Planer, Gestalter, etc. schon auf dem richtigen Weg sind?

Elke Mara Alberts: "Es wird in naher Zukunft eine weitere Homogenisierung der Projekte geben. Ich denke, die Kollegen haben einiges ausprobiert, aber der Trend, den ich sehe ist die Abnahme der Individualität und der gestalterischen Möglichkeiten. Auch baukulturell werden wir Rückschritte erleben. Politisch sind wir auf einem guten Weg, indem wir uns gesamtgesellschaftlich um Inklusion bemühen. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf das Zusammenleben und die Gebäude, die sind ja immer Abbild unserer Art des Zusammenlebens. In der nahen Zukunft geht es eben nicht nur um das barrierefreie, sondern um eine inklusive Gesellschaft, deren Miteinander sich auch in der Art des Wohnens zeigt. Da kann Mut nicht schaden. Wir wollen ja nicht reagieren, sondern planen."

Nun ist der Standort einer Pflegeimmobilie, eines Seniorenwohnprojekts, etc. ja meist nicht eigens im Rahmen einer aktiv geplanten Quartiersentwicklung entstanden, sondern mehr oder weniger historisch geworden. Wie lässt sich der Quartiersbezug herstellen?

Elke Mara Alberts: "Der Quartiersbezug ist wichtig, städtebaulich wie sozial. Bei neu erstellten Gebäuden planen wir diese mit ein. Man muss dann eben innerhalb des Projektes Gemeinschaft und Rückzug anbieten und gleichzeitig Funktionen hineinlegen, die auch interessant sind für den Stadtteil. Bei meinem letzten größeren Projekt gibt es im Gebäude Gemeinschaftsflächen, Büros und Läden. In unmittelbarer Nachbarschaft ein Kindergarten und bald eine Klimaschutzsiedlung. Diese Durchmischung ist ein Kennzeichen der Sennestadt, in der ich aufgewachsen und tätig bin. Bauliche Durchmischung fördert auch soziale Vielfalt. Bei „historischen“ Seniorenwohnprojekten spielt manchmal die Soziale Abgrenzung eine nicht unbedeutende Rolle. Manchmal ist man eben auch gerne unter sich und exklusiv."

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