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Inklusion: Raum für Alle

von Redaktion

Interview mit Thorsten Försterling

Redaktion: Herr Försterling, womit beschäftigt sich das Büro von alberts.architekten?
Thorsten Försterling: Wir planen und bauen Soziale Architektur, also all das, was auf Gruppen und Gemeinschaften ausgerichtet ist. Auch Pflegeheime und Einrichtungen im privaten Bereich, etwa der rollstuhlgerechte, barrierefreie oder barrierearme Umbau zählen zu unseren Aufgaben. Unser Hauptaugenmerk gilt dem Thema Schulbau, insbesondere dem Thema Inklusion und Schule. Nach dem Beschluss der UN-Menschenrechtskonvention zur Inklusion lautet die Fragestellung: Wie kann ich eine Schule im Bestand so ausgestalten, dass sie inklusiv ist und somit eine echte „Schule für alle“ – eine spannende Frage.


Redaktion: Wie groß ist der aktuelle Handlungsbedarf aus Ihrer Sicht?

Thorsten Försterling: Der Handlungsbedarf ist immens, auch weil er erst langsam erkannt wird. Noch gibt es keine wirklich inklusive Schule. Es gibt zwar erste Neubauten, die inklusive Ansätze berücksichtigen. Aber was ist gemeint, wenn eine „Schule für alle“ geeignet sein soll: für wen genau, und wen beziehe ich wie in die Planung ein? Die Frage berührt ein sehr weites Feld.

Die unserer Erfahrung nach beste Antwort darauf finden wir, indem wir mit den Nutzern partizipativ, also in Teilhabe zusammenarbeiten. Zu Beginn hospitieren wir und beziehen die Nutzer in die Planung ein, um das beste Ergebnis für diese eine Schule an diesem einen Ort zu erreichen. Im Prinzip erarbeiten wir damit immer maßgeschneiderte Lösungen für eine bestimmte Gruppe an einem bestimmten Standort.

Redaktion: Wer tritt mit Ihnen in Kontakt?
Thorsten Försterling: Das ist ganz unterschiedlich. Teils entsteht der Kontakt über Lehrer oder Kollegien, die andere Schulbauten betrachtet haben. Ein weiteres Mittel sind nach wie vor Wettbewerbe, wobei man unsere Herangehensweise unter Wettbewerbsbedingungen nur eingeschränkt darstellen kann. Darum bieten wir an, dass wir Schulen besuchen und diese Form der Teilhabe vorbereiten – auch dann, wenn letztlich ein anderer Kollege den Auftrag umsetzt. Schließlich gibt es auch Schulleiter oder Verantwortliche aus dem Bereich Gebäude und Immobilienmanagement, die uns ansprechen und deren Vorstellungen wir umzusetzen versuchen.

Redaktion: Worin liegt Ihre besondere Qualifikation?
Thorsten Försterling: Unser Spezialgebiet ist Soziale Architektur, also Planen und Bauen für Gemeinschaften. Natürlich haben wir auch Aufgaben aus dem privaten Bereich realisiert: beispielsweise ein ökologisch und baubiologisch optimiertes Haus oder einen Anbau, der die Erweiterungsmöglichkeiten für ein ganz kleines Gebäude zeigt, das vergrößert und zugleich verschönert werden soll – indem man es heller und lichter gestaltet.

Das Stichwort Raumgewinn hat im Bereich Sozialer Architektur eine besondere Bedeutung: Denn Platz zu haben in ausreichender Größe und Qualität, ist eine zentrale Forderung von Menschen mit Behinderungen. Wir beschäftigen uns daher intensiv auch mit der Frage, wie man im Bestand von Gebäuden mehr Platz gewinnen kann oder wie man am besten auf spezielle Behinderungen oder Mehrfachbehinderungen etwa von Kindern eingeht, um ihnen eine Wohnumgebung zu schaffen, die wie eine dritte Haut Schutz und Freiraum bietet.

Interview mit Thorsten Försterling
Interview mit Thorsten Försterling

Redaktion: Welche Bedürfnisse stehen bei Ihrer Planung im Zentrum, und worauf gilt es besonders zu achten?
Thorsten Försterling: Das lässt sich nicht verallgemeinern. Um Erwartungen, Wünsche und Bedürfnisse zu erfahren, muss man direkt mit den Menschen sprechen. Das ist auch der Hintergrund für unser Angebot der Hospitanz. Bei unserem Projekt der Schule Wittekindshof haben wir am Unterricht teilgenommen, um zu verstehen, was Schüler und Lehrer benötigen und wünschen. Auf dieser Basis haben wir das Konzept der neuen Schule entwickelt. So verschieden wie die Menschen und ihre Anforderungen, so individuell wie die Art und der Grad ihrer Behinderungen sind, so individuell muss eben auch die Planung sein.

Redaktion: Wie sieht es eigentlich mit Fördermitteln aus?
Thorsten Försterling: Es gibt einerseits die Wohnraumförderung, womit wir unser aktuelles Projekt der „Begleitenden Elternschaft“ realisieren. Dabei geht es um Eltern mit geistigen Einschränkungen, die ihre Kinder selbstständig betreuen wollen. Die Wohnraumförderung will sie dabei unterstützen, gibt aber mit ihren einzelnen Komponenten auch Richtwerte vor, die einzuhalten sind.


Auch für energetische Sanierungen gibt es verschiedene Förderprogramme. Allerdings scheuen viele Investoren den Einsatz von Fördermitteln wegen der aktuell günstigen Zinsen am Geldmarkt. Ohne Förderung ist man natürlich freier in seiner Planung. Aber selbst im privaten Bereich gibt es Zuschüsse, zum Beispiel für die rollstuhlgerechte Umgestaltung von Wohnraum und Ähnliches. Wer auf Förderungen eingehen möchte, dem bieten sich eine Vielzahl an Möglichkeiten.

Redaktion: Welche Bedeutung hat der Standort in Bielefeld-Sennestadt für Sie und Ihr Team?
Thorsten Försterling: Die Entscheidung für die Bielefelder Sennestadt haben wir ganz bewusst getroffen. Als letzte Stadtneugründung nach dem zweiten Weltkrieg ist die Sennestadt eine im Kern moderne Siedlung mit sehr vielen Menschen unterschiedlichster Herkunft, eine wirklich sozial durchmischte Stadt. Das war von Anfang an der Gedanke ihres Schöpfers Hans Bernhard Reichows. Unser Büro besteht hier seit über 40 Jahren. Unser junges, multidisziplinäres Team ist dieser Idee des durchmischten Wohnens ebenfalls stark verbunden.

Marc Wübbenhorst, der unsere Arbeit als Pädagoge koordiniert und das Gespräch mit den Lehrkraäften aufnimmt, empfindet sich auch als Übersetzer zwischen den Welten. Elke Maria Alberts hat die Ideen Reichows noch durch ihren Vater kennengelernt, der an der Entstehung der Sennestadt aktiv mitgewirkt hat und auch mich dafür begeistern konnte. Selbst unsere verantwortlichen Projektleiter wie auch unsere freien Mitarbeiter und Studierenden begreifen die Sennestadt als frühen Versuch von Sozialer Architektur, wie wir sie als Team verwirklichen wollen.

Redaktion: Arbeiten Sie ausschließlich in dieser Region oder auch darüber hinaus?
Thorsten Försterling: Wir planen und bauen vorwiegend im Norden Deutschlands bis etwa zur Rhein-Main-Linie. Natürlich freuen wir uns auch über Aufgaben aus dem gesamten Bundesgebiet.

Redaktion: Die Schule in Bad Oeynhausen ist schon fertiggestellt. Was sind Ihre aktuellen Projekte?
Thorsten Försterling: Aktuell arbeiten wir direkt in der Sennestadt an einem Wohnprojekt SennestadtWohnen Plus. Unter dem Stichwort Servicewohnen planen wir 55 Wohnungen einschließlich einer Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz. Angeschlossen sind außerdem eine Zahnarztpraxis sowie ein Kindergarten. Es ist eine sehr interessante Aufgabe hier in der Sennestadt.

Redaktion: Ist dieses Projekt als Beispiel für Mehrgenerationenhäuser geeignet?
Thorsten Försterling: Mehrgenerationenhäuser und Wohngruppen sind ebenfalls ein sehr aktueller Trend. Daher kann man SennestadtWohnen Plus auch als Beispiel nennen für Wohngruppen von Menschen unterschiedlichster Couleur.
In unserem Netzwerk betreut Herr Fiebig den Bereich der Wohngruppen. Hier ist es besonders wichtig, die Bedürfnisse der Bewohner zu ermitteln, gerade von stark pflegebedürftigen Menschen oder Personen, die anstatt in einem althergebrachten Heim in einer Wohngruppe leben, einer kleinen Einheit bis zu acht Personen.

Redaktion: Sind Projekte für Wohngruppen generell besser neu zu planen?
Thorsten Försterling: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es immer eine Lösung gibt, auch für Einrichtungen im Bestand. Es kann sogar eine Lösung sein, am Ende einer Analyse kein neues Gebäude zu planen, wenn es unter den gegebenen Voraussetzungen nicht anders zu realisieren ist. Die stärksten Einschränkungen leiten sich im Allgemeinen aus Forderungen durch Vorschriften, DIN-Normen und Verordnungen ab.

Wo ein Wille ist und es keine zwingende Abhängigkeit von Förderungen gibt, lässt sich immer ein Lösungsansatz entwickeln, etwa durch dynamische Anpassung an die Gegebenheiten. Die Bereitschaft, am Ort zu bleiben, schafft immer Raum für neue Möglichkeiten. Mit unserer Zuversicht und etwas Kompromissbereitschaft aller Beteiligten gelingt es, ein derartiges Wohnprojekt umzusetzen. Es ist in vielerlei Hinsicht die ideale Wohnform für viele Menschen.

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