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Aktivierungsstrategien im Stadtteil

von Redaktion

Seit 2014 koordinieren Heike Böhmer und Thorsten Försterling das Gesamtprojekt Energetische Stadtsanierung in Bielefeld-Sennestadt. Dabei sind ihre Aktivierungsstrategien das "gemeinschaftliche Sanieren", mit denen die Klimaschutziele in dem Stadtteil, der komplett aus Nachkriegsarchitektur besteht, erreicht werden. Und kann man im selben Waschgang auch noch Barrierefreiheit erreichen?

Böhmer: "Die fast originale Architektur der 60er Jahre. Das ist das, was die Sennestadt ja insgesamt ausmacht, und die kann man natürlich an jedem großen und kleinen Haus erkennen. Das ist eine Besonderheit. Die Gebäudearchitektur und auch die Stadtarchitektur sind deshalb faszinierend. Wer die Sennestadt von oben schon mal angeschaut hat, die Struktur, wie Reichow sie damals erdacht und geplant hat…Das ist einfach etwas ganz Besonderes und unglaublich erhaltenswert."

Försterling: "Die soziale Idee der Sennestadt, die Reichow umsetzen wollte, die Durchmischung, die sich eben in den Gebäudetypologien zeigt… Der organische Stadtgrundriss, der nirgendwo anders so umgesetzt wurde… Es heißt vom Stadtmarketing: „Willkommen im Grünen Bereich“ – und das können wir bewahrheiten mit den Grünzügen, mit den Anschlüssen an die umgebende Natur. Das ist das, was für die Sennestadt begeistert."

Welche Argumente sind nützlich, um Bauherren „rumzukriegen“?

Böhmer: "Wir wollen die Leute gar nicht rumkriegen! Das ist, glaube ich, das Allerwichtigste. Sondern wir wollen, dass sie sich durch unsere Informationen und durch die Schritte, die wir mit ihnen zusammengehen, selbst überzeugen! Verstehen, warum Dinge gemacht werden müssen oder können; was dabei herauskommen kann; wie man das Ganze umsetzen kann. Und ich glaube, wir haben mehr als einmal bei unseren Veranstaltungen gemerkt, dass die Leute durch unsere Informationen erst einmal auf die Spur gebracht werden, an ihrem Haus etwas zu tun. Das war der erste Schritt: Sie kümmern sich wieder um ihr Haus. Das ist für uns ein guter Erfolg, Leute zu motivieren, sich mit ihrem Haus zu beschäftigen und aktiv nach vorne zu gucken."

Försterling: "Sich selbst überzeugen, Übernahme der Verantwortung für das eigene Gebäude und die Wertschätzung. Qualität und Kommunikation sind die Themen, die immer wieder nach vorne treiben. Darin steckt zu kommunizieren, die Wertschätzung für den Stadtteil, für den Ort, damit ich eine Basis habe aufgrund der ich bereit bin, in dieses Haus zu investieren."

Und was hindert viele Bauherren daran, den Schritt zu tun?

Böhmer: "Oft ist es eine finanzielle Frage. Wir haben auch gemerkt, dass das Alter eines Eigentümers ein Problem sein kann. In einem höheren Lebensalter hat man oft andere Prioritäten als das Haus anzufassen, wo es doch bereits abbezahlt ist, man aber nicht weiß, was die nahe Zukunft bringt. Die Aussage der Eigentümer ist immer: Wir bleiben dort wohnen. Wohnen bis zuletzt! Das heißt aber nicht in jedem Fall, dass ich nochmal viel investiere, um dieses Wohnen bis zuletzt zu ermöglichen."

Aktivierungsstrategien im Stadtteil
Die Sanierungsmanager im Rundgang durch den Stadtteil

Wie schaffen Sie es, Eigentümer zu Sanierungsprojekten zu bewegen?

Böhmer: "Das ist eine schwierige Aufgabe. Gerade bei den Eigentümergemeinschaften in den Hochhäusern. Das geht eben nicht ohne eine kompetente Verwaltung, die auch ihre Verantwortung und Pflichten kennt. Die muss man mit ins Boot bekommen und dann möglichst alle Eigentümer davon überzeugen, dass etwas getan werden kann, wie und in welcher Form. Uns ist es noch nicht gelungen, eine Hochhausgemeinschaft tatsächlich zu überzeugen, nachhaltig zu modernisieren. Es geht ja darum, die Gesamtheit des Gebäudes zu betrachten und auf dieser Basis sinnvoll und schrittweise zu modernisieren.

Da ist Luft nach oben. Wir hoffen, dass wir über ein ganz besonderes Mittel, das wir uns überlegt haben, doch noch zum Ziel kommen. Das soll eine kleine Projektstudie sein, die etwas deutlicher aufzeigt, wie der Bestand beschaffen ist und welche Möglichkeiten es gibt, eine Modernisierung durchzuführen. Das soll eine Grundlage sein, über die man ganz neutral und möglichst emotionslos reden kann. Sie soll aufzeigen, was Modernisierung an diesem Objekt genau bedeutet."

Försterling: "Was hindert am Sanieren? Man denkt, es ist zu komplex. Die Leute haben Angst; es gibt zunächst keinen Fahrplan. Doch diesen Fahrplan haben wir entwickelt, in Form einer Projektstudie. Eine Wohnungseigentümergemeinschaft leidet meist darunter, dass es keinen fixen Ausgangspunkt gibt, auf den man sich einigen kann, weil der in der Vergangenheit eben nie festgelegt wurde. Niemand ist da, der die Aufgaben klar benennt.

Die Hausverwaltung scheint uns da oft überfordert. Aber die Hausverwaltung gehört bei einer Sanierung mit dazu, sie muss das mittragen. Das passiert, wenn sie sieht, dass ein solches Vorgehen für sie einen Vorteil bedeutet und im Umgang mit der Wohnungseigentümergemeinschaft auch Sicherheit bietet. ein konkretes Gebäude genau eine Art Anamnese machen wie beim Arzt. Dann kann man verschiedene Qualitätsstufen der Sanierung definieren, daraus Maßnahmen ableiten und die dann in Einzelschritte zerlegen. Wie isst man einen Elefanten? Stückweise."

Wie vereinbaren Sie Sanierungen mit der Architektur der Gebäude?

Böhmer: "Das kann man nicht mit „ja“ oder „nein“ beantworten. Voraussetzung für so eine Entscheidung ist, dass ich das Gebäude komplett bewerte, überlege und plane, wie ich eine bessere Energieeffizienz hinbekomme. Ein Mittel kann die Wärmedämmung sein, muss sie aber nicht. Wenn man Wärmedämmung außen aufbringt, kann es auch bedeuten, dass ein Gebäude dicker wird. Passiert dies auf der Innenseite, wird es nicht dicker. Wir sind sehr dafür, das Thema Energieeffizienzsteigerung und Baukultur gemeinsam zu betrachten. Es wird also keinesfalls so sein, dass wir die Sennestadt komplett in Wärmedämmverbundsysteme packen."

Führung zum Sennestadtmodell
Führung zum historischen Modell des Stadtteils

Was tun Sie, um den architektonischen Gesamtcharakter zu erhalten?

Försterling: "Dem dienen die erwähnten Farben der Sennestadt. Wir sind historischer Stadtkern. Das können die wenigsten glauben, aufgrund ihres Alters von knapp über 60. Wir haben Gebäude mit Zeugniswert, die es auch zu erhalten gilt. Ich muss also jedes Gebäude einzeln betrachten. – Die Nutzbarkeit steht im Vordergrund. Und das Erzeugen von Wertschätzung, damit die Leute bereit sind, etwas zu  tun. Daraus resultiert dann die Maßnahme. Nicht jedes Hochhaus kann so eingepackt werden. Es ist aber auch nicht notwendig."

Lässt sich die energetische Sanierung mit dem Thema Barrierefreiheit verbinden?

Böhmer: "Besser geht es nicht. Es gibt dadurch einen Anlass, bei dem man Dinge kombinieren kann. Insofern wäre es fatal, wenn wir das nicht ansprechen würden. Für uns ist das eine ganz wichtige Geschichte, genauso wie das Thema Sicherheit. Wenn bei einer Modernisierung Energieeffizienz bedacht wird, muss immer auch in Richtung Barrierefreiheit überlegt werden. Geeignet sind eine Haustür oder die Fenster, es gibt hier wunderbare Gelegenheiten, das Thema Barrierereduzierung mitzudenken. Und das Interesse daran ist groß.

Försterling: "Der Fördergeber berücksichtigt das, indem energetische Sanierung und Abbau von Barrieren in Förderprogrammen kombiniert werden können. Dieser Trend wird vom Fördergeber gesehen und unterstützt. Das ist richtig so."

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Sennestädter Eigenheimbesitzer können sich bei Fragen rund um Sanierung in der Sennestadt an Thorsten Försterling wenden: Im Rahmen des Projekts „Energetische Sanierung Sennestadt“ ist er Ansprechpartner. Für Fragen zu Finanzierung, die richtigen Materialien, Möglichkeiten der Förderung, Thermografien oder den energetischen Sanierungsfahrplan vermittelt er an die richtige Stelle.

http://www.sennestadt-sanierungsmanagement.de/

Die Fragen stellte Jens Jürgen Korff (www.korfftext.de).

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