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"Abbruch ist kein Aufbruch"

von Redaktion

Häuser stehen leer, Gaststätten, Läden, Bankfilialen schließen, Schulen und sogar Kirchen veröden – Historische Stadtkerne sind in großer Gefahr. Schmucke Fachwerkhäuser verfallen, Gewerbe und Bewohner siedeln lieber in der Peripherie. Im Stadtkern Leerstand und Ideenlosigkeit. Ist der Abbruch die beste Lösung?

Fachwerkhäuser und Heimatgefühle

Der Kirchturm löst starke Heimatgefühle aus, ebenso das Fachwerk in der Innenstadt, der historische Stadtkern, seine Vielgestaltigkeit und die Erinnerung an das Einstige. Der vermeintliche Glanz oder die Mäßigkeit vergangener Tage haben sich in die kulturelle Identität der Stadtbewohner eingebrannt. Ihre sichtbaren Auswüchse sind historische Gebäude, schweres Gebälk und feste Mauern. Es sind solche, die wir im Urlaub gerne fotografieren und die dort bereits standen, als es die meisten Länder noch nicht gab oder das Pferd noch ein zuverlässiges Verkehrsmittel war.

Baukultur ist kulturelles Erbe

Hier, in den Kernen ländlich geprägter Orte, zeigen solche Gebäude auf, wie hilflos Stadtgesellschaften dem baulich-kulturellen Erbe entgegenstehen. Einerseits sind diese Gebäude stumme Zeugen und ihre Fassaden Projektionsflächen für allerlei positive Geschichtsbilder, Erinnerungen und Fantasien. Sich von ihnen trennen mag niemand so richtig, auch wenn es keine bessere Nutzung als den Leerstand gibt. Häuser erzählen Geschichte und sterben dennoch leise.

Gemeinschaftliche Wirksamkeit

Es sei vermerkt: Heimat ist ein schwieriger Begriff und an was wir uns erinnern wollen, ist gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen unterlegen. Historische Gebäude beheimaten Erinnerungen. Solche Aushandlungsprozesse einzugehen, braucht Zeit, Ideen und eine Vision. Es ist anstrengend. Also, besser alles abbrechen und neu anfangen?

Andererseits: Die marode Gestalt der Häuser führt uns den Zahn der Zeit vor Augen, der an der Architektur genauso nagt, wie an uns selbst. Wir erinnern uns gerne an das Vergangene, aber das Vergehen zu betrachten ist schmerzlich. Also das Ganze lieber entsorgen und die Asche verstreuen? Ist der Abbruch immer die beste Idee, mit der wir die Ideenlosigkeit verbergen? Und warum sind uns historische Gebäude peinlich, wenn wir sie zugleich lieben?

Abbruch ist kein Aufbruch. Man verlöre die Chance, etwas Neues auf und in alten Mauern wachsen zu lassen. Vielleicht kann man das Vorhandene ja noch einmal benutzen, es weiterführen. In der Aktualisierung liegt die Chance. Warum also der ganze Neuerungswahn?

Die Magie des Ortes aktivieren

Manchmal hilft die Magie des Ortes, einem alten Gebälk wieder Leben einzuhauchen. In der urbanen Praxis heißt der Zauberspruch „Mitmachen“ und „Selbermachen“. Mit welchem Finger zaubert man? Nur mit dem eigenen. Und bevor man den Beteiligten die Instrumente der Stadtentwicklung zeigt, sollte man sich selbst mit der schmerzlichen Frage beschäftigen: Ist Abbruch wirklich Aufbruch?

Ist Abbruch ein Aufbruch?

Für den Neuanfang braucht es echte Macher, jene, die nicht jammern und deren Zögern ihnen nicht mehr peinlich ist, sondern einen Neuanfang markiert. Es braucht radikale Akzeptanz, das stoische Annehmen der Bedingungen, nicht das romantische Bedauern des langsamen Verfalls. Aus allem kann man etwas machen. Nur aus einem abgeräumten Gebäude nicht. Deswegen: Abbruch ist kein Aufbruch.

Thorsten Försterling stellt die These auf: "Abbruch ist kein Aufbruch" (August 2020). Der Stadtentwickler spricht sich für den Erhalt von alten Häusern aus. Zeitaktueller Wohnraum sei auch oder gerade in historischer Bausubstanz möglich. Der simple Abriss enstehe zwar aus Veränderungswillen, sei aber der falsche Weg.

Foto: Peter Wehowsky

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