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Der Raum im Bildungsprozess

von Marc Wübbenhorst

Wieviele Lehrer ein Kind nun genau hat, wissen wir auch nicht. Aber: Wir sind immer vom Raum umgeben. Bildungsprozesse sind komplexe Angelegenheiten und die eine Bildungstheorie gibt es numal nicht. Der Raum kann das Lernen eingrenzen, beflügeln, unterstützen. Wie das geht, hängt grundsätzlich vom Wollen ab. Architektur folgt dem pädagogischen Konzept, sie ist kein Selbstzweck.

Guter Raum unterstützt das Lernen

Zum Glück wurde in der letzten Zeit die Qualität des gebauten Raumes durch Planer, Ämter und Pädagogen zunehmend beachtet. Der Zusammenhang zwischen guten Lernorten, deren Architektur und schulischer Leistung ist mittlerweile begründet. Dabei geht es allerdings nicht nur darum, eine Architektur zu schaffen, die Schüler mit aufnimmt und nach gewisser Zeit mit Bestnoten wieder ausspuckt; die Zeit der Lernfabriken ist endgültig vorbei, auch viele der Gebäude in der Schullandschaft noch aus dem letzten Jahrhundert stammen. Es geht darum, Orte zu schaffen, die Kinder und Jugendliche aufnehmen und das Lernen, Leben und Arbeiten in dem Gebäude unterstützt. Und was eigentlich selbstverständlich sein sollte, ist neu: Pädagogische Architekturen werden zunehmend als Lebensorte begriffen. Sie sind Räume zum Spielen, Toben, Essen, Freunde treffen, sich Erfahren, aber auch zum Untergebracht-Sein und eben: zum Lernen.

Der Raum als Setting

Nun, das Lernen bedeutet nicht lediglich, das bestmögliche Einhämmern von Wissensbeständen. Soziales Lernen, Interkulturelles Lernen, Selbstgesteuertes Lernen, das Erlernen des Lernens und andere sind Themen, die nicht erst seit gestern diskutiert werden. Und jedes Lernziel hat seine eigenen didaktischen Methoden, auf die verschiedene Schulen, auch räumlich, unterschiedlich reagieren und die unterschiedliche Gewichtungen erhalten, je nach pädagogischem Ziel der Institution und den Rahmenbedingungen, unter denen Sie entstanden ist. Wissensbestände sind Dank moderner Kommunikationstechnik jederzeit abrufbar, um das Auswendiglernen und Abfragen von Fakten, Daten und Zahlen geht es schon lange nicht mehr. Der Raum ist daher nicht Ziel oder der Vermittler von Lernprozessen, er ist das Setting, in dem Bildungsprozesse stattfinden. Er ist der Ort, an dem pädagogischen Gegebenheiten stattfinden.

Kind hat drei Lehrer..

Der Dreiklang, der einem schwedischen Sprichwort zugesprochen wird, geht so: Ein Kind hat drei Lehrer. Die anderen Schülerinnen und Schüler, die Lehrerinnen und Lehrer, und den Raum. Besonders gewürdigt wird dieses Sprichwort wohl, weil es erstmalig und gleichsam selbstverständlich den Raum als Bezugsgröße von Bildungsprozessen würdigt. Er ist sozusagen Wasser auf die Mühlen derer, die sich auf unterschiedlichste Weise für den Raum in der Pädagogik einsetzen. Immerhin rund 84.000 Einträge zählt dieses Mantra allein bei der deutschsprachigen Google-Suche.

Das Problem mit einem solchen ist es, dass es sich gebetsmühlenartig einhämmert, und dann eben, wie der pädagogische Raum in vergangenen Jahrhunderten, nicht mehr hinterfragt werden muss. Eine gute Gelegenheit, alles von ästhetischem Wert der guten Bildung unserer Kinder zuzusprechen. Aber: Wer hat eigentlich die Gestaltungshoheit? Was gefällt, muss nicht pädagogisch-didaktisch sinnig sein. Und ein Dogma kann das Schweden-Zitat nicht sein, allerhöchstens eine Idee.

Keine ganzheitliche Theorie

Aiko Jürgens, Bielefelder Professor für Erziehungswissenschaften eröffnete seine Einführungsveranstaltung mit folgender Feststellung: „Eine ganzheitliche Theorie pädagogischer Institutionen konnte nicht gefunden werden.“ Auch wenn dieser Satz zehn Jahre alt ist, gilt er noch. Die Erziehungswissenschaft hat eine Universaltheorie nie herausgerückt. Pädagogik sei eben das Wissen um verschiedene Pädagogiken. Unterschiedliche Ziele haben unterschiedliche Methoden. Was also ist das pädagogische Ziel einer Institution?

Nun, einig ist sich die Bildungsarchitektur-Szene, auch der Raum nehme eine pädagogische Rolle ein. Nach dem Schweden-Zitat sei immerhin „Lehrer“. Etwas schwingt da zunächst der altehrwürdige Beruf des Paukers mit. Schade, dass der Beruf des Lehrers in Wirklichkeit ein recht geringes Ansehen in der Bundesdeutschen Öffentlichkeit genießt. So glauben nur zwanzig Prozent der Bundesbürger, Lehrer erhalten den Respekt, den sie verdienen. Abgesehen davon, dass die Lehrerrolle selbst stetig zur Disposition steht, sich im besten Falle langfristig selber abschafft, hin zu einem Moderator von selbstgesteuerten Lernprozessen, ist es schwierig, dem Raum eine Lehrerrolle zuzuschreiben. Der Raum vermittelt nicht sondern ist Mittel, eines von mehreren Medien im Bildungskontext.

Raum mit Aufforderungscharakter

Passender ist daher der Ausspruch von Maria Montessori: “Wie kann man dem Kind eine Umgebung schaffen, die seiner Entwicklung förderlich ist, um es dann in dieser Umgebung sich frei entwickeln lassen zu können, um ihm so zu helfen, selbständig zu werden?” Nach der italienischen Reformpädagogin geht es nicht um den Raum als solches, sondern um die vorbereitete Umgebung. Nach ihr ist diese eine Art „Bindeglied zwischen Kind und Pädagogik“, er leiste eine „indirekte“ Erziehung, bei dem die Anordnung der Gegenstände im Raum Lernen mit-steuern. Diese vorsichtige Einschätzung ist die ehrlichere. Das Kind reagiert auf die Materialien und deren Anordnung im Raum intuitiv und interessengesteuert. Somit ist die Interaktion eine, die von dem Kind ausgeht, der Raum hat Aufforderungscharakter. Er ist nicht, wie zitiert, Lehrkraft sondern deren Mittel. Es soll sich nicht das Kind der Umgebung anpassen, die Umgebung müsse dem Kind angepasst werden, sie wirke nicht formend.

Was ist eigentlich Lernen und wie gestalten wir das in der Gesellschaft aus, was geben wir Kinder mit auf den Weg für das Leben? Über kein Feld wird sich so sehr ausgelassen, wie über das Bildungssystem und in der Vereinfachung: über Schule. Da die meisten in die Schule gegangen sind, kann auch jeder mitreden. Die eigene Schulerfahrung ist dabei oft Maßstab denen Grundsatzdiskussionen über Bildung. Dazu addieren sich eine ganze Menge weiterer Faktoren, wie ökonomische, Zukunftswünsche und Negativ-Erfahrungen, Werte oder die Negativ-Erfahrung der eigenen Schulzeit. Letzteres auch umgekehrt: Wer seine eigene Schulzeit als besonders positiv erlebt hat, tut sich schwer daran, Schule neu zu denken. Wer Schule ablehnt, wird sich nicht weiter mit ihr beschäftigen wollen. Deswegen: Wir brauchen den nötigen Sicherheitsabstand zu unserer eigenen Schulerfahrung, nur dann können wir Schule neu denken!

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