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Pädagoge im Architekturbüro?

von Redaktion

Sieben Fragen an Marc Wübbenhorst

Übersetzer und Vermittler? Sieben Fragen an Marc Wübbenhorst, der im Büro für Soziale Architektur arbeitet; Partizipation in Bauprojekten sind sein Bereich. Was hat ein Pädagoge denn nun mit sozialer Architektur zu tun?

1. Herr Wübbenhorst, Sie arbeiten als Pädagoge im Büro für soziale Architektur. Was hat Pädagogik mit sozialer Architektur zu tun?

Wübbenhorst: "Zunächst einfach, dass Schulbau ein wesentliches Feld der sozialen Architektur ist. Unser Konzept von Schulbau geht davon aus, dass ein Schulgebäude nicht ein Denkmal für die Kreativität eines Architekten sein soll, sondern das in gebauten Raum übersetzte pädagogische Konzept der Schule. Besonders deutlich tritt das Thema auf dem Feld Inklusion auf. Der erste Schritt dahin ist das Zusammenfinden von dem, was die Akteure der Schule eigentlich wollen. Dabei gibt es Rahmenbedingungen wie Budget, Bauordnung, Vorgaben, und daneben den Spielraum, der in der Entscheidung der Bauherren liegt. Ganz ähnlich wie bei der Planung einer Unterrichtseinheit: Auch da gibt es die Vorgaben des Lehrplans und den Spielraum der Lehrerin oder des Lehrers."

2. Ketzerisch gefragt: Können die Lehrer das nicht einfach aufschreiben?

Wübbenhorst: "Ja, genau das habe ich mich auch schon oft gefragt. Doch die Praxis zeigt, dass das häufig nicht funktioniert. „So völ Koppen, so völ Sinnen“, sagt man in Ostfriesland. Um die vielen unterschiedlichen Meinungen und Vorstellungen eines Kollegiums unter einen Hut zu kriegen, und schon allein, um die unterschiedlichen Ebenen einer solchen Debatte zu definieren und auseinander zu halten, ist oft eine professionelle Moderation nötig oder vielmehr ein besonderes Setting. Dafür haben wir das Instrument des Pädagogischen Bauausschusses entwickelt."

3. Pädagogischer Bauausschuss? Was ist das denn?

Wübbenhorst: "Ein Gremium aller an der Planung Beteiligten. Er funktioniert ähnlich wie ein kommunalpolitischer Ausschuss oder ein Kulturkreis. Die Schule als Bauherr im laufenden Schulbetrieb ist ja eine gewagte Vorstellung. Neue Referendare, der Vertretungsplan, Elternabende, der eigene Unterricht – als ginge es in der Schule nicht schon hektisch genug zu! Eine Bauaufgabe kann im Schulbetrieb nie „nebenbei“ laufen; man muss die Zeit für die Planungsaufgabe einräumen, Gespräche gut vorbereiten und strukturieren.

Ich wundere mich immer noch, wie notwendig so etwas ist. Das hängt wohl damit zusammen, dass Lehrer und Architekten beides seltsame Berufsgruppen sind. Architekten verstehen meist wenig von der Schulwelt; beide Berufsgruppen sind sich in Arbeitskultur und Denkweise ziemlich fremd. Die Nutzer eines Gebäudes in den Planungsprozess einzubeziehen, im Sinne der Partizipation – das ist erst seit wenigen Jahren im Kommen, und Architekten tun sich von Hause aus schwer damit.

Dazu kommt die Schwierigkeit, dass die Schule meist nur der Nutzer des Gebäudes ist und nicht der Eigentümer. Es kommt also noch eine dritte Partei ins Spiel. Ich steuere und begleite diesen komplexen Prozess als Moderator. Mein Vorteil ist: Ich kenne mich in beiden „Disziplinen“ aus, im Bauwesen und in der Pädagogik. Als Externer kann ich einen Blick von außen auf die Verhältnisse werfen und stehe außerhalb der eingespielten kollegialen Hierarchien. So fällt es mir leicht, eine Brücke zwischen Schule und Planungsbüro zu bauen."

Partizipation BauprozessProzessorganisation : Partizipation in der gebauten Schulentwicklung

4. Worin liegt der Nutzen Ihrer Dienstleistungen für die Kunden?

Wübbenhorst: "In der Herstellung eines Konsens. Der Nutzen ist, dass die Akteure sich einigen und ihnen dabei überhaupt erst klar wird, warum sie dies und jenes brauchen. Das schafft die Grundlage für eine nutzerzentrierte Planung. Eben genau die Übersetzung pädagogischer Ziele in gebauten Raum."

5. In welcher Situation befindet sich eine Schule in der Regel, wenn sie diese Leistung benötigt? Woran merken die Akteure, dass sie so etwas brauchen?

Wübbenhorst: "Die klassische Situation ist die: Eine oder einer im Kollegium hat sich bei der Vorplanung weit aus dem Fenster gelehnt und dann von den Kolleginnen und Kollegen kräftig den Kopf gewaschen bekommen: „Du immer mit deinen lächerlichen Fahrradständern!“ Bei uns meldet sich also ein Verzweifelter, der sich verrannt hat und nicht weiterkommt. Abwertungen und Sackgassen machen sich meist an Details fest, die weit vor der Zeit diskutiert werden. Was das eigentliche Motiv hinter dem Vorschlag „Fahrradständer“ war, ist in der Debatte untergegangen. Der Pädagogische Bauausschuss ist der Ort, wo das ans Tageslicht kommt.

6. Welche Kunden sind bereit, für diesen Nutzen etwas zu bezahlen?

Wübbenhorst: "Niemand, die wollen immer alles umsonst. Deswegen bieten wir die Leistung als Extra-Workshop an oder so, dass sie mit der anschließenden Leistung verrechnet werden kann. Planungsleistung ist prinzipiell schwer verkäuflich, gerade wenn die Kunden in ihrem Selbstverständnis „Macher“ sind und nicht immer nur „labern“ wollen. Dass alles Tun zielgerichtet und überlegt sein muss, wenn es nicht in blinden Aktionismus abgleiten soll – das zu praktizieren, ist schwerer, als es von anderen zu fordern."

7. Haben Architekten ein pädagogisch-didaktisches Problem?

Wübbenhorst: "Architekten wollen aus sich heraus eine Umwelt gestalten, bewerten und ein Werk erstellen. Dadurch fühlen sich viele im wahrsten Sinne überformt. „Architekten machen es doch eh, wie sie meinen, und interessieren sich nicht für die Leute“, heißt es dann. Die Fronten sind schnell verhärtet. Das wird nicht besser, wenn Architekten bei solchen Gesprächen um ihre eigene Schulerfahrung kreisen und mit ihrem Alter kokettieren, was manchmal nur peinlich ist. Es geht ja auch immer um Perspektivübernahme.

Aber Lehrer sind auch nicht ohne. Lehrer an sich wollen alles verstehen und sind gut darin, Informationen zu beschaffen und zu bewerten. Das führt oft dazu, dass sie sich im Detail verlieren. Auch haben sie oft Schwierigkeiten, ihre pädagogischen Ziele zu formulieren: Was will ich erreichen, warum, wie, durch welche Maßnahmen? Das schwingt mit, wenn sie über Fahrradständer oder Bäume oder Lampen reden, ohne dass ein Außenstehender, gar ein Architekt, das nachvollziehen könnte. Lehrer übernehmen ungerne die Perspektive dritter oder eine Rolle als „Dienstleister“. Vielen fällt es schwer, Kompromisse zu schließen und sich an Regeln zu halten. Sie wollen autonom an ihrem Ding arbeiten, wobei der Zusammenhang verloren geht.

Aktive Lehrer sind Bestimmer, was immer zu Rollenkonflikten führt. Da sagt mir dann schon mal eine: „Ihre Kennnelernspielchen können Sie sich sparen, das habe ich schon 1974 gemacht.“ Doch der Lehrer an sich bringt auch meist etwas Bauherren-Mentalität mit: „Das ist gut, das haben wir auch zu Hause.“

Lehrer und Architekten haben grundsätzlich andere Gesprächskulturen und ein anderes Vokabular. Ich füge mich da besser ein und bewege mich in beiden Welten etwas sicherer. Da ich keinerlei Wert auf Stand und Rang lege, gelingt es mir oft, schulinterne Hierarchien aufzubrechen und zum Beispiel Schüler mit einzubeziehen."

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Zur Person: Brückenbauer zwischen zwei Welten

Schule, Architektur, die baukulturelle Besonderheiten sind Themen, die Marc Wübbenhorst gerne miteinander in Beziehung setzt und an deren Schnittstelle er sich beruflich bewegt. So ist Schularchitektur, der Raum als vielzitierter dritter Pädagoge, eine dieser Schnittstellen.

Zwischen den unterschiedlichen Welten der Architekten und der Lehrer sieht er sich als Übersetzer und Vermittler. Darüber hinaus bietet er mit alberts.architekten Führungen an und unterstützt architekturpädagogische Projekte für Heranwachsende. Dabei profitieren alle von den vielfältigen Verknüpfungen, denn: Architektur lebt vom Dialog, sie sollte für alle begreifbar sein.

 

Die Fragen stellte Jens Jürgen Korff (www.korfftext.de).

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